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BWE-Infopapier Windenergie und Insekten

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Die Insektenbestände haben in Deutschland seit Jahrzenten stark abgenommen. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Allgemein sind der flächendeckende Einsatz von Pestiziden, Fungiziden und Herbiziden in der Land- und Forstwirt-schaft, der verstärkte Anbau von Monokulturen, der zunehmende Straßen- und Schienenverkehr, die Zersiedelung sowie der Klimawandel als wesentliche Einflussfaktoren auf den Insektenbestand in Deutschland anerkannt. Eine Literaturrecherche im Auftrag des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt1, die interdisziplinäre Infor-mationen aus Entomologie, Windenergietechnik und Atmosphärenphysik ausgewertet hat, sieht nun die Wind-energie als einen von vielen Gründen für den Rückgang der Insektenpopulationen in Deutschland. Behauptet wird, dass die Windenergie eine Gefährdung für Fluginsekten darstelle, da diese mit den Rotorblättern kollidieren könn-ten. Als Reaktion auf die These wird das Thema in den Medien breit publiziert2. Das vorliegende Hintergrundpapier beschreibt den bisherigen Wissensstand zum Thema und legt dabei einen Schwerpunkt auf die Analyse der DLR-Ergebnisse bezüglich der möglichen Auswirkung von Windenergieanlagen auf Insektenpopulationen. Herausgeber: Bundesverband WIndEnergie Erschienen: März 2019

Dr. Franz Trieb vom

Dr. Franz Trieb vom Institut für Technische Thermodynamik, einem der Forschungsinstitute des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), machte sich in den vergangenen Jahren vor allem durch Veröffentlichungen 29 zu solarthermischen Kraftwerken einen Namen. Mit dem im Oktober 2018 publizierten Abschlussbericht zu einem Projekt vom Institut für Technische Thermodynamik unter dem irrführenden Titel „Fluginsekten - Studie zu Wechselwirkungen von Fluginsekten und Windparks“ widmete er sich einem neuen Themenfeld. Die Veröffentlichung erweckte den Eindruck, es handele sich um eine empirisch begründete Studie, welche das Vorhandensein dieser Wechselwirkungen belegen oder gar quantifizieren könne. Stattdessen bildet die Basis des Abschlussberichtes eine einfache Literaturrecherche und die Auswertung interdisziplinärer Informationen aus Entomologie, Windenergietechnik und Atmosphärenphysik, die ihrerseits in eine Modellanalyse einflossen. Zudem beziehen sich diese Ergebnisse auf 20 Jahre alten Untersuchungen an Windenergieanlagen des damaligen technischen Entwicklungsstandes, die mit modernen Anlagen kaum zu vergleichen sind. Zusätzlich stützt sich die Literaturrecherche auch auf nichtwissenschaftliche und kommerzielle Quellen bzw. auf Quellen die sich auf ungeprüfte Angaben von Windenergiedienstleistern stützen. 30 In der Eigenveröffentlichung in „ENERGIEWIRTSCHAFTLICHE TAGESFRAGEN 68“ weisen die Autoren darauf hin, dass es „bisher unmöglich [ist], die Auswirkung der hier geschätzten Verluste auf die Gesamtpopulation der Fluginsekten zu quantifizieren, weil die Größe der Gesamtpopulation unbekannt ist. Da der Einfluss anderer menschlicher Aktivitäten wie die Ausbringung von Pestiziden, intensive Landwirtschaft, Verkehrsaufkommen, Urbanisierung, Klimawandel u.a. bisher ebenfalls nicht quantifiziert wurde, ist auch kein Vergleich der hier geschätzten Verluste mit diesen anderen Auswirkungen möglich.“ Dies geht im Übrigen schon allein deshalb nicht, weil auch die Effektstärke der verschiedenen Einflussfaktoren nicht klar ist und sich in der Beobachtung der Ergebnisse (hier: Insekten-Verlust) die Effekte in ihrer Wirkung nicht nachträglich voneinander trennen lassen – dazu wären völlig andere Daten und ein anderes Versuchsdesign nötig. Die vorgenommenen Simplifizierungen stellt die Validität der im Abschlussbericht genannten Ergebnisse nachhaltig in Frage. Dazu zählen: ‣ Fälschliche Herstellung kausaler Zusammenhänge: Ohne ausreichende Belege und durch stark vereinfachte Verkettung von Phänomenen wird Kausalität aufgrund parallel stattfindender Ereignisse suggeriert. Das ist wissenschaftlich fragwürdig. ‣ Überschätzung des Gefahrenpotenzials: Durch Art-ökologisch nicht plausible Annahmen zum Aufenthalt von Fluginsekten in bestimmten Höhen kommt es zu eklatanten Überschätzungen. ‣ Unzureichender Bezug auf entomologische Forschung: Die auf diesem Gebiet zitierten Studien sind in weiten Teilen veraltet, nicht repräsentativ und ohne Deutschlandbezug, was nahelegt, dass der Autor fachfremd ist. Es bleibt erklärungsbedürftig, wieso kein ausgewiesener Entomologe als Co-Autor der Studie gefunden wurde. ‣ Mangelnde Qualität der herangezogenen Quellen: Eine Reihe der angeführten Quellen mussten keinen Peer-Review-Prozess durchlaufen oder sind keine wissenschaftlichen Quellen, sondern von kommerziellen Interessen geprägt. ‣ Pauschalisierende Annahmen: 29 https://elib.dlr.de/cgi/search/advanced?_action_search=Search&creators_name=%22Trieb%2C+Franz%22 30 Als Quelle für die Argumentation eines möglichen Zusammenhanges zwischen beobachteten Ertragsverlusten und Insekten-Ablagerungen werden insge samt sieben Quellen benannt (Böttger et al. 1990, Hinsch & Westermann 1996, Corten & Veldkamp 2001, Wilcox & White 2016, BladeCleaning 2017, Ehrmann et al. 2017, Wilcox et al. 2017). Bei zwei dieser Quellen handelt es sich nicht um wissenschaftliche Quellen. BladeCleaning 2017 bezieht sich auf die Auskünfte von der Internetpräsenz einer Firma, die sich auf die Reinigung von Rotorblättern spezialisiert hat. Hinsch & Westermann 1996 bezieht sich auf die Auskünfte aus der internen Zeitschrift einer Firma für Windenergie-Dienstleistungen und gehört damit zu den Erfahrungsberichten einer nichtwissenschaftlichen Institution mit kommerziellem Interesse. Corten & Veldkamp 2001 stammt zwar aus dem renommierten wissenschaftlichen Fachjournal Nature, jedoch erschien der Artikel in der Rubrik „Brief Communications“. Diese Artikel unterliegen nicht dem wissenschaftlichen Peer- Review-Prozess (also der Qualitätskontrolle durch andere Wissenschaftler) und haben eher Leserbrief-Charakter. Die Quelle Wilcox & White (2016) aus der Fachzeitschrift Wind Energy berichtet in der Einleitung ebenfalls von beobachteten Ertragsverlusten in der Praxis, belegt dies aber nicht mit Quellen. Außerdem wird die Aussage anschließend deutlich relativiert und festgestellt, dass der überwiegende Teil der Ertragsverluste auf die Diskrepanz zwischen theoretischem Erwartungswert und den erreichten Erträgen in der Praxis zurückgeht und keine echten Verluste abbildet. Bei der Quelle Ehrmann et al. (2017) handelt es sich um die Ergebnisse aus Versuchen im Windkanal, wo ähnlich vorgegangen wurde, wie in Corten & Veldkamp (2001): die Rauigkeit der Rotorblatt-Oberfläche wurde künstlich mit Aufklebern erhöht und die Ertragsverluste dann im Windkanal unter Laborbedingungen ermittelt. Die Studie von Wilcox et al. (2017) ist in etwa analog zu Wilcox & White (2016) und Ehrmann et al. (2017) bei gleichem Autorenteam und Forschungsprojekt. Einzig Böttger et al. (1990) unterscheidet sich von den übrigen Quellen und bietet eine echte Freilandstudie mit empirischen Daten an. Die Untersuchung an zwei sehr alten Anlagen des Typs MAN Aeroman mit zwei Rotorblättern führt bei den Autoren zum Fazit: „Allgemein kann festgestellt werden, dass nach den bisher vorliegenden Ergebnissen an den Rotorblättern der Anlagen des »Windparks Bredstedt« kein Massenanflug zu erwarten ist.“ (S. 95, Abs. 2). Keine der sieben Quellen belegt einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Ertragsverlusten und Insekten-Kollisionen. www.wind-energie.de 6 / 8

- Fehlende Berücksichtigung von Insektenhabitaten: Die Annahme, dass Insekten räumlich und zeitlich gleichmäßig über Deutschland verteilt sind (und zwar auf Grundlage von Erhebungen weniger einstündiger Fangflüge tagsüber zwischen Mai und Oktober in den Jahren 1998 bis 2004 und 2008 in Schleswig-Holstein) ist realitätsfern. - Fehlende Berücksichtigung der regionalen Verteilung von Windenergieanlagen: Die Annahme, dass Windenergieanlagen innerhalb Deutschland gleichmäßig (und damit auch über die verschiedenen Naturschutzgebiete, Naturräume und Habitate) ist falsch 31 sind. In der Realität werden zudem wertvolle Naturräume bei Windkraftplanung stets ausgeschlossen. - Berechnung auf Basis von Biomasse: Alle Daten beziehen sich auf die Gesamtpopulation der Insekten, statt spezifiziert auf einzelne Insektenarten einzugehen. Insofern würde auch die Umrechnung von Biomasse auf Basis des Gewichts von Blattläusen wenig Sinn ergeben, wenn man später über mögliche Verluste von Wildbienen spricht. Exemplarisch für die fragwürdigen Annahmen der DLR -Veröffentlichung lässt sich die Aussage hervorheben, nach der Anhaftungen von Totinsekten bis zu 50-prozentige Ertragsverluste bei den Windenergieanlagen verursachen würden. Dies würde eine regelmäßige Reinigung der Rotorblätter notwendig machen. Die einzige experimentelle Freilandstudie, die (neben wenig aussagekräftigen Laborversuchen) für diese Behauptung herangezogen wird 32 blickt in die Jahre vor 1990 zurück (s. Kommentar in Fußnote 29). Sie untersucht zwei sehr veraltete Anlagen des Typs MAN Aeroman mit zwei Rotorblättern, Nabenhöhen von 15-22m und einem Rotordurchmesser von 14,8m, was einem rotorfreiem Raum unterhalb der Anlage von ca. 7-14m entspricht. Hinzu kommt eine wesentlich höhere Drehzahl der Anlagen. Ein vermutetes Kollisionsrisiko wäre allein deshalb im Vergleich zu modernen, deutschen Anlagen bereits deutlich erhöht. Auch die unbewiesenen und lediglich vermuteten prozentualen Ertragsverluste können mit der ohnehin sehr geringen Leistung dieser Lagen teilweise relativiert werden. Den Studienaufbau, hält der BWE deshalb insgesamt für unzulässig. Eine Abfrage der Branchenteilnehmer hat angesichts der postulierten Ertragsverluste von 50 Prozent zu Unverständnis und Verwunderung geführt. Branchenexperten und Betriebsführern von Windenergieanlagen sehen den Effekt von Insektenkollision auf den Ertrag als nicht verifizierbar an. Daneben sind auch die in der DLR-Veröffentlichung genannten Gewichtsangaben unglaubwürdig, die sich auf Schätzungen und Hochrechnungen stützen. Die wissenschaftlich und mathematisch sehr fragwürdige Schätzung der Kollisionsfälle im vorliegenden Bericht, die noch dazu auf Basis von frei gegriffenen Annahmen getroffen wird, ist nicht geeignet, um einen Erkenntnisgewinn herbeizuführen und widerspricht in großen Teilen den Praxiserfahrungen unserer Betreiberunternehmen. Schließlich fehlt in der Veröffentlichung eine Einordnung der genannten 1.200 Tonnen möglicher Schlagopfer pro Jahr. Selbst wenn diese Zahl stimmen würde, müsste sie in Bezug zum Gesamtbestand an Individuen gestellt werden. Nur dann ließe sich erkennen, ob und welche Relevanz die Windenergieanlagen im Vergleich zu Pestiziden, zur intensiven Landbewirtschaftung, zum Verkehr, zur Flächenversiegelung etc. oder auch zu natürlichen Fressfeinden hat. Zu letzteren macht das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit darauf aufmerksam 33 , dass Vögel pro Jahr weltweit etwa 400 bis 500 Millionen Tonnen Insekten vertilgen und Spinnen weltweit 400 bis 800 Millionen Tonnen Insekten im Jahr erbeuten. Vor diesem Hintergrund sieht die „taz“ in einer Kommentierung der DLR-Studie „Stimmungsmache mit Insektentod“ und verweist auf verschiedene Entomologen und Fachexperte, die den Einfluss von Windrädern auf Insektensterben als „irrelevant“ einstufen. 34 BWE-Position: Windenergie und Insekten Wissenschaftliche Untersuchungen machen seit vielen Jahrzehnten auf einen Rückgang der Insektenbestände in Deutschland und weltweit aufmerksam. 35 Dabei steht auch fest, dass die Windenergie nicht der Grund für das Insek- 31 https://www.wind-energie.de/fileadmin/redaktion/dokumente/pressemitteilungen/2019/20190129_Factsheet_Status_des_Windenergieausbaus- Jahr_2018.pdf 32 Böttger, et al. (1990): Biologisch-ökologische Begleituntersuchungen zum Bau und Betrieb von Windkraftanlagen, Norddeutsche Naturschutz Akademie, NNA Berichte 3. Jahrgang, Sonderheft 1990 https://www.nna.niedersachsen.de/download/92395/B90-S_Biologischoeklogsche_Begleituntersuchungen_zum_Bau_und_Betrieb_von_Windkraftanlagen.pdf 33 https://www.bmu.de/themen/bildung-beteiligung/bildungsservice/aus-der-wissenschaft/voegel-vertilgen-weltweit-eine-erstaunliche-menge-aninsekten/ 34 http://www.taz.de/!5582675/ 35 https://www.faz.net/aktuell/wissen/leben-gene/immer-weniger-insekten-in-deutschland-14173292.html www.wind-energie.de 7 / 8

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